Zu einem der letzten Termine habe ich es nun doch endlich zu „Ganymed“ ins KHM geschafft. Ein interessantes Konzept, das nun schon mit „Ganymed nature“ seine fünfte Auflage erlebt hat.

Worum geht es in „Ganymed“? Es ist eine Erweiterung der Kunstwerke durch performative Aktionen. Texte, Musik, Performances lassen sich von den Bildern inspirieren und bekommen so einen neuen Handlungsraum. Ist es damit Vermittlungsprogramm oder eine eigenständige Kunstform?

„Ganymed“ ist von beidem ein wenig. Es kommt immer auf die Auseinandersetzung an den einzelnen Stationen an. Das Kunstwerk beginnt schon in der Eingangshalle. Während sich das Publikum versammelt, bewegen sich die Darstellerinnen und Darsteller die Stiege herab und finden sich zu immer neuen Konstellationen zusammen. Ständig werden neue Bilder kreiert. Wenn die Beteiligten sich wieder hinaufbewegen und den Besucherinnen und Besuchern zuwinken, ihnen zu folgen, beginnt der Abend.

Bei „Ganymed nature“ gab es einen stark vermittlerischen Text von Eva Menasse zu Peter Paul Rubens „Venusfest“, herrlich vorgetragen von Katharina Stemberger. Ich wünschte, Kunstvermittlung würde sich öfter so einer direkten Erklärung von Bildern bedienen. Als vermittlerische Aktion betrachte ich auch die Geräuschkulisse von Karlheinz Essl „Some Way Up“ zu einer „Gewitterlandschaft“ ebenfalls von Rubens. Seine Komposition eines Gewitters machte die Atmosphäre des Bildes physisch spürbar. Ebenso lieferte „Der Flirt“ zwischen Tizians „Nymphe und Schäfer“ von Franz Schuh Erläuterungen zum Bild selbst.

Es gab Szenen, die sich an die Bilder anlehnten. Ein von David Oberkogler wunderbar gespielter Monolog von Milena Michiko Flašar erzählte vor der „Waldlandschaft“ von Gillis van Coninxloo einen Menschen, der sich in den Urwald der menschlichen Beziehungen begibt, bereits wenn er nur die Blumen der Nachbarin während ihres Urlaubes gießt. In diese Kategorie fällt auch die Auseinandersetzung mit unseren tierischen Nahrungsmitteln und deren Grausamkeiten von David Forster Wallace. Oder die himmlischen Chöre, die eine Besucherin wörtlich tragen und schweben lassen. Beeindruckend auch der Bericht der Flucht von Rania Mustafa Ali und ihre Momente der Ruhe dabei.

Bei manchen Performances fehlte mir der Zusammenhang mit dem Bild, wie bei Vivien Löschners „In vitro“ oder „The Last Rose of Summer“. Und auch manchmal der mit der Natur, unter deren Motto diese Aufführungsserie stand.

Gelungen fand ich den Beitrag von den Strottern, die auf der Klimt-Brücke das Publikum einfach nur aufforderten, zu schauen.

„Ganymed“ als ganzes zu erleben, ist beinahe unmöglich. Die ersten zwei, drei Stationen sind gut aufeinander abgestimmt und der Wechsel funktioniert gut. In weiterer Folge ist aber die nächste Performance bereits am Laufen, wenn man bei der Station ankommt. Die Stationen waren einige Male auch ungünstig gewählt, sodass sich die Geräuschkulisse manchmal durchdrang. Daraus können sich gute Spannungen ergeben. Ich fand sie eigentlich störend. Man darf sich keine Pause gönnen. Ich habe fast alle Stationen komplett gesehen. Bei drei Stationen bin ich etwas später eingestiegen, das schmälert den Genuss des Abends und vielleicht auch das Verständnis.

Als Vermittlerin frage ich mich natürlich, wen diese Formate ansprechen. Sie laufen ja meist unter der Prämisse, das Museum für ein neues Publikum zu öffnen. „Ganymed“ wendet sich an das lokale Publikum. Es schafft einen Anreiz für diese, das  Kunsthistorischen Museum  abseits der Touristenströme zu erleben und die Kunstwerke aus einem ungewöhnlichen Blickwinkel zu betrachten. Besucherinnen und Besucher, die nur wenig Affinität zu bildender Kunst haben und sich hier einen leichteren Zugang erwarten, werden aber Großteils enttäuscht sein. Der Komplexität von Bildern einen genauso komplexen Text entgegenzusetzen baut keine Schranken ab.

Dieser Blog stellt sich auch die Frage, ob „Ganymed“ Museumstheater ist. Wenn die Besucherin oder der Besucher unter Theater nicht nur die klassisch-westliche Form versteht, muss diese Frage mit ja beantwortet werden. Es sind Performances, die einem dramaturgischen Konzept folgen. Es ist ein Stationentheater, dessen Abfolge sich das Publikum selbst aussuchen kann.

„Ganymed“ wird hoffentlich im nächsten Jahr eine Fortsetzung finden. Ich bin schon gespannt.

 

 

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